Im Westen ist es immer warm und es gibt Bananen.
Papa, warum baust du denn meine elektrische Eisenbahn ab? Ich konnte mit meinen 8 Jahren einfach nicht verstehen, warum Papa meine Eisenbahn abbaute. Wir wollten doch nur für zwei Wochen Urlaub bei unseren Verwandten im Westen machen. Warum sollte ich da die Bahn mitnehmen? Schon wieder so eine komische Sache, die ich nicht verstand. Genauso wie im letzten Jahr, als meine große Schwester auch in den Westen fuhr, um Urlaub zu machen, aber bis heute nicht wieder zu Hause auftauchte. Nun Papa murmelte etwas von Damit du im Urlaub was zu spielen hast, und schraubte weiter.
In Ordnung, wir machen also Urlaub im Westen. Wenn mir jemand gesagt hätte, wir fliegen auf den Mond, es wäre für mich kein Unterschied gewesen. Westen! Wo ist das? Ich hatte schon mal von Freunden gehört, dass es dort immer warm sein soll und dass es dort Bananen gibt. Das war ein Argument. Bei uns war der Winter immer endlos. Schnell war meine Verwunderung verflogen und ich malte mir bereits aus, wie ich in Badehose eine Banane nach der anderen in mich hinein schob. Gebongt. Und meine Eisenbahn nehmen wir auch mit. Also beste Voraussetzungen.
Ich hatte keine Ahnung, wann es losgehen sollte. Aus meinen Eltern war da nichts herauszubekommen. An einem kalten und bereits dunklen Novembertag, ich spielte gerade mit meinen Autos, kam Mama plötzlich zu mir und sagte, dass wir jetzt in Urlaub fahren würden. Jetzt? Sofort? Ja! Und schon kam Papa mit den gepackten Koffern in die Stube. Es ging alles so schnell. Schon hatte ich meinen Mantel an, die kratzende Mütze auf dem Kopf und meinen kleinen grünen Koffer mit meiner Eisenbahn in der Hand. Bepackt gingen wir auf die Straße, wo bereits ein Auto auf uns wartete. Meine erste Autofahrt! Der Urlaub ging ja gut los. Total aufgeregt kletterte ich mit meinen Eltern ins Auto und schon ging es los. Der Weg von der Siedlung, in der wir wohnten, ging steil den Berg hinab. Der Bahnhof war unten in der Stadt. Es war eiskalt und die selten befahrene Straße stellenweise vereist. Das Auto kam ins Rutschen und wurde nur von der Bordsteinkante daran gehindert, seitlich den Abhang hinunterzurutschen. Mama hatte sich wohl sehr erschrocken, denn sie hielt meine Hand fest umklammert. Ich fand´s toll. Welch ein Abenteuer.
Papa gab dem Mann im Auto Geld, und wir stiegen am Bahnhof aus. Es war kalt und nur wenige Gestalten hielten sich am Bahnhof auf. Mama und Papa sprachen kein Wort. Sie schubsten mich mit meinem Koffer weiter, bis wir endlich am Bahnsteig ankamen. Der Zug war noch nicht da. Nachdem ich meine genervten Eltern wohl ein Dutzend Mal gefragt hatte, wann der Zug denn endlich kommt, hörte ich in der Ferne ein lautes Zischen und Donnern. Endlich! Da kam die Dampflok mit ihren Wagons angefahren. Papa nahm mit dem einen Arm seine Koffer, mit dem anderen mich und meinen Koffer und schon quetschten wir uns in das Abteil. Zwei sich gegenüberliegende Holzbänke waren frei und wir setzten uns. Mein Herz klopfte: meine erste Zugfahrt. Warum wirkten meine Eltern nur so ernst? Sie reagierten nicht einmal auf mein freudiges Lachen. Erst als sich der Zug in Bewegung setzte, schienen sie sich etwas zu entspannen.
Viel war von meinem Fensterplatz aus draußen nicht zu sehen. Es war dunkel und nur ab und zu huschte ein beleuchtetes Fenster vorüber. Nach einiger Zeit bestand Mama darauf, dass ich jetzt etwas schlafen müsse. So ein Quatsch! Schließlich bin ich schon acht. Aber es nützte nichts. Mama legte ihren Mantel auf die Holzbank und deckte mich mit Papas Mantel zu. Das monotone Rattern des Zuges und die schummerige Notbeleuchtung jedoch taten das ihre. Trotz aller Anstrengungen wach zu bleiben, schlief ich ein.
Ein lautes Quietschen und Ruckeln ließen mich aus meinem Schlaf hochfahren. Aufgeregt rief ich: Sind wir schon da!? Aber Papa schüttelte den Kopf und sagte mir, ich solle mich ordentlich hinsetzen, denn wir wären jetzt an der Grenze und würden kontrolliert. Grenze? Es war keine Zeit für Fragen, denn schon zog Mama den Mantel unter mir weg und zog und zerrte an meiner Kleidung. Dann spuckte sie sich in eine Hand und begann, mir damit die Haare zu richten. Wie ich das hasste!
Plötzlich ging das Licht an und im Abteil herrschte absolute Ruhe. Mit einem lauten Knall wurde die Tür aufgeschoben und zwei uniformierte Männer traten ein und einer schrie: Grenzkontrolle! Papiere bereithalten! Meine Eltern saßen wir erstarrt, und ich konnte sehen, wie die Ausweise in Papas Hand zitterten. Der Schreier schaute auf uns herab und nahm wortlos die Papiere, die Papa ihm reichte. Ich muss die Beiden wohl so fasziniert angestarrt haben, dass der Eine mich ansah und sagte: Nah Kleiner, wohin fahrt ihr denn? Wahrheitsgemäß antwortete ich: In den Westen Urlaub machen und meine Eisenbahn nehme ich auch mit. Entsetzt schauten mich meine Eltern an. Was habe ich denn jetzt wieder falsch gemachte, dachte ich. Nah, dann zeig mir mal deine Eisenbahn. Das scheinen mir ja seltsame Ferien zu sein. Papa holte meinen kleinen grünen Koffer aus der Ablage und öffnete ihn. Der Uniformierte wühle in dem Koffer herum und schaute sich mehrere Teile genau an. Wieso nehmen sie solch ein Spielzeug mit in die Ferien? fragte er Papa. Der antwortete, ich sei sehr eigen und wollte, egal wo wir hinführen, immer meine Eisenbahn dabei haben. Also so was! Empört wollte ich dem widersprechen, als ich Mamas Hand spürte, die mich fest in den Arm zwickte; dabei schaute sie mich mit einem Gesichtsausdruck an, den sie nur aufsetzte, wenn ich etwas ausgefressen hatte. Instinktiv verstand ich: Mund halten! Aber warum hatte Papa gelogen? Bevor ich mich jedoch weiter verplappern konnte, gab der Uniformierte die Papiere zurück. Beide drehten sich um und setzten ihren Kontrollgang fort. Papa beugte sich zu mir und flüsterte: Ich weiß, dass das, was ich gesagt habe, nicht richtig war. Ich erkläre es dir später. Nah ja, warten wir mal ab.
Die Kontrolle schien endlos zu dauern und Mama machte mir wieder mein Bett. Ich schlief schnell ein und bewegte mich gerade auf einen riesigen Berg Bananen zu, als ich mich ein Ruckeln und Zischen wiederum hochschrecken ließ. Der Zug setzte sich in Bewegung und im Abteil ging wieder die Notbeleuchtung an. Plötzlich fielen sich meine Eltern in die Arme, lachten und weinten gleichzeitig. Mama drückte mir einen dicken Schmatzer auf und sagte: Wir haben es geschafft. Wir sind im Westen! Ich freute mich mit ihr, obwohl ich nichts verstand. Ich legte mich wieder hin und war sofort eingeschlafen.
Als ich aufwachte, packte Mama gerade die Butterbrote aus und wir stärkten uns erst einmal. Papa sagte, dass es schon noch ein paar Stunden dauern würde, bis wir ankämen. Ist der Westen denn so weit? Nah ja, die restlichen Stunden bekam ich dann mit Malen und aus dem Fenster gucken auch noch rum. Als bereits die Dämmerung einsetzte, war es endlich soweit. Der Zug fuhr in Düsseldorf ein, und wir stiegen aus. Auf dem Bahnsteig erwarteten uns bereits mein Onkel und meine Tante, die mir völlig unbekannt waren. Mama stellte sie mir als Onkel Klaus und Tante Hedwig vor. Alle redeten durcheinander, als wir den Bahnhof verließen. Ich war echt platt. Diese ganzen Lichter, die vielen Autos und dieser Lärm waren einfach überwältigend. Vor dem Bahnhof fragte mich Onkel Klaus, ob ich Hunger hätte. Das war das Stichwort. Ich strahlte ihn an und sagte nur: BANANEN. Die bekam ich auch und trug sie wie einen Schatz vor mich her. Wir stiegen in eine Bahn, Straßenbahn, wie mir Papa erklärte und fuhren los.
Während der Fahrt legte Mama plötzlich ihren Arm um mich und sagte: Ich muss dir was wichtiges sagen. Wir bleiben hier. Wir fahren nicht mehr zurück. Diese Worte drangen zwar in mein Ohr und ich nickte brav. Aber ihre Bedeutung konnte ich nicht erfassen.
Tage später, wurde mir langsam klar, dass ich meine Freunde, die Schule und unser Haus nie wiedersehen würde. Immer wenn ich Heimweh bekam, stellte ich mich vor einen Spiegel und sagte zu mir: Du bist im Westen und hier ist es immer warm und hier gibt es Unmengen von Bananen.
Das mit den Bananen stimmte. Aber sonst?!








Devious Comments
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Only who fears the darkness is blind at night!
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Haha, ich bin auch im Osten geboren, auch wenn ich unschuldiges Kind mich daran nicht erinnern kann, war ja nur ein Jahr^^ Und dann war die Mauer weg.
Am besten gefällt mir dein letzter Satz: Das mit den Bananen stimmte. Aber sonst?! Wie wahr, wie wahr. Heutzutage würden einige Leute im Osten die Mauer wieder aufbauen....
Und die Vorstellund des kleines Kindes vor dem Spiegel hat mir richtig leid getan. Wie du davor stehst und dir selbst Mut zu sprichst. Es ist eben nicht so einfach, seine Heimat zu verlassen. Darf man fragen, wo du hier im "Goldenen Osten" gewohnt hast, bevor ihr geflohen seid? (als immer noch Ostbürger -wie das klingt- daran interessiert)
So und bei dir nun ein grammatikalischer Kritikpunkt: Du hast an mindestens 3 Stellen das Subjekt des Satzes vergessen~ Im 3. Absatz 2 mal, einmal: ´Bepackt gingen wir auf die....´ und `Total aufgeregt kletterte ichmit meinen....´ und die dritte Stelle find ich nicht, aber da war noch ein *beschämt zu Seite schaut*
Ich liebe deinen Dauergag mit den Bananen. Ja der ist Spitze^^ Und im Westen ist es viel wärmer. Dort scheitn ja schließlich auch die Sonne heller als bei uns
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If you don't have anything nice to say don't say it at all.
Ich bin nicht auf der Welt, um so zu sein, wie andere mich gerne hätten.
But you know: Tomato juice made of tomatoes doesn't taste good- my Mum
Tja, vieles sieht halt anders aus als früher, da bleibt kaum ein Stein auf dem Anderen, da muss ich dir zustimmen
Aber solange du dich immer daran erinnerst, wie es war, ist ja gut.
Ich selbst komme aus Prettin, bei Torgau, falls dir das was sagt (bestimmt eher nicht und ob dich das wirklich interessiert ist ne eigene Geschichte^^)
In Annaberg war ich auch noch nie, nur davon gehört hab ich schon. Aber ich hab auch nen hoffnungslosen Orientierungsinn^^ Bin froh, wenn ich mich bei mir in der Gegend auskenne.......
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Mensch zu sein
Und ich bin noch Da *gggg*, d. h. im Osten und studiere jetzt im "wunderschönen" Halle. Wenn ich mal rüber komme, dann auf den stinknormalen Weg, mit der Bahn, gegenüber der ich übrigens eine enorme Abneigung entwickelt habe, als Wochenendpendler ( dieser Bahnstreik........
Danke für dein Kompliment. Es macht mich froh, wenn Andere denken, ich wäre ein interessanter Mensch
Viele liebe Grüße zurück
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